Brief an Maria

Liebe Maria,

nun ist es schon fast ein Jahr her, dass Du verschwunden bist. 
Wir alle, Deine Schwestern, Deine Brüder, Dein Vater, Deine Oma, Dein Opa und ich, wissen nicht, wie wir diese Zeit überstanden haben. Wir wissen nicht, wo Du bist. Nicht, wie es Dir geht. Ob Du zu essen hast. Ein Dach über dem Kopf. Ob Du gesund bist. Ob Du festgehalten wirst oder freiwillig dort bist – wo immer das ist.
Uns bleibt nur unsere Phantasie, die sich ausmalt, was mit Dir jetzt sein könnte. 
Ich stehe oft in Deinem Zimmer, wo alles so ist, wie zur Zeit Deines Verschwindens. Ich nehme die Dinge in die Hand, die Du im letzten Mai berührt hast, bevor Du gegangen bist. Streichle über Deine Kuscheltiere, berühre die Hosen und T-Shirt, die Du angehabt hast. Und hoffe jedes Mal, wenn der Schlüssel an der Tür zu hören ist, dass Du es bist, die kommt.
Unser Leben ist leer ohne Dich. Deine Worte, Dein Lachen fehlen uns jeden Tag. Dein Bruder ist so still geworden. Deine Großeltern verstehen die Welt nicht mehr…und jede Nacht diese schrecklichen Träume….
Wir alle versuchen, tapfer zu sein.
Kann es sein, dass Du Dich nicht nach Hause traust? Du musst Dir keine Sorge machen, es wird dir nichts passieren.
Wir möchten Dich doch nur wieder in den Arm nehmen. Oder wenigstens wissen, dass es Dir gut geht. Nichts ist schlimmer als diese Ungewissheit, in der wir leben.
Liebe Maria, bald ist Dein Geburtstag. Den haben wir dreizehn Jahre zusammen gefeiert. Bitte lass uns auch diesen, Deinen 14., zusammen feiern. Das ist unser größter Wunsch.
Bitte, bitte, Maria, melde Dich, wenn es Dir möglich ist. Dann wird alles gut!
Wir lieben dich sehr!

Deine Mum

Ein Wort an Herrn Haase:
Ich flehe sie an, machen sie der Qual ein Ende und lassen sie zu, dass Maria wenigstens ein Lebenszeichen sendet.

 

(Ein herzliches Dankeschön an die Zeitschrift „tina“ und deren Redakteur für die einfühlsame Unterstützung beim Veröffentlichen des Briefes an Maria
Ausgabe 12  12.März 2014)

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